Blog von Stefan
Meine erste Junioren WM, Aalen 2026
Direkt vor mir steht eine riesige Regenwand. Eine Front nähert sich, und genau dort liegt mein Wendepunkt. Ich muss hindurch.
Ich weiss, dass das Wetter kritisch ist. Trotzdem fliege ich weiter. Als die ersten Regentropfen auf den Flieger prasseln, entscheide ich mich für die sichere Variante und ziehe zurück.
Eine kleine Entscheidung. Ein kurzer Moment.
Doch diese Entscheidung wird mir an diesem Tag zum Verhängnis.
Denn genau dieser Rückzieher führt schliesslich zu einer Aussenlandung.
Aber nochmals von vorne.
Der Weg nach Aalen
Anfang August 2026 stand ich in Aalen, Deutschland, an der Junioren-Weltmeisterschaft im Segelflug. Für mich war es der bisher grösste Wettbewerb meiner noch jungen Segelflugkarriere.
Der Weg dorthin begann bereits 2024. Damals trainierte ich zum ersten Mal in Aalen und lernte das Fluggebiet kennen. Im Jahr darauf folgte eine intensive Saison mit zahlreichen Streckenflügen und ersten Erfolgen an nationalen Wettbewerben. Diese Leistungen ermöglichten mir schliesslich die Qualifikation für die Junioren-WM in der Clubklasse.
Die Vorfreude war riesig. Gleichzeitig wusste ich: Einfach würde es nicht werden. Hier würde ich auf die besten Junioren aus der ganzen Welt treffen. Für mich ging es deshalb nicht nur um eine möglichst gute Platzierung, sondern vor allem darum, auf internationalem Niveau Erfahrungen zu sammeln.
Eine Woche vor dem ersten Start
Bereits eine Woche vor dem Wettbewerb reiste ich nach Aalen zur Trainingswoche.
„Training“ ist dabei nicht ganz das richtige Wort. Die nötige Flugerfahrung hatte ich mir bereits in den vergangenen Saisons erarbeitet. Viel wichtiger war es, wieder ein gutes Gefühl für das Fluggebiet zu bekommen und das persönliche Setup ein letztes Mal zu überprüfen.
Auf dem Campingplatz war die Stimmung noch entspannt. Einige Piloten waren bereits angekommen, andere reisten noch an. Überall standen Anhänger, Segelflugzeuge wurden aufgebaut und Teams bereiteten sich auf die kommenden zwei Wochen vor.
Ich schaute mich um und beobachtete das Geschehen. Verschiedene Nationen, verschiedene Flugzeuge, verschiedene Sprachen und alle mit demselben Ziel.
Langsam wurde mir bewusst, wie gross dieser Wettbewerb tatsächlich war.
22 Nationen. 82 Piloten. Ein Ziel.
Mit der Eröffnungszeremonie begann die Weltmeisterschaft offiziell. Alle Nationen traten als Teams auf und präsentierten sich vor dem Publikum in Aalen.
82 Piloten aus 22 Nationen waren nach Deutschland gereist.
Es war ein beeindruckender Anblick.
Und plötzlich war aus der langen Vorbereitung Realität geworden.
Jetzt ging es los.
Der erste Start
Am ersten Wertungstag setzte ich mich ins Cockpit. Nervös war ich nicht unbedingt. Die Trainingswoche hatte mir Sicherheit gegeben. Trotzdem war da dieses besondere Kribbeln im ganzen Körper.
Endlich WM.
Der Start verlief zunächst unspektakulär. Doch im Laufe des Fluges sollte sich zeigen, wie wenig Spielraum man bei einem internationalen Wettbewerb für Fehler hat.
Ich hatte mich für einen relativ späten Abflug entschieden. Zu spät, wie sich später herausstellen sollte.
Am Ende des Fluges verpasste ich den Anschluss an die Thermik. Ich konnte nicht mehr wettmachen und musste schliesslich aussenlanden.
Noch bevor ich richtig ausgestiegen war, ging mir ein Gedanke durch den Kopf:
Das war's.
Der Start in meine erste Junioren-WM hatte definitiv nicht so ausgesehen, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.
Trotzdem war die Landung auf einer Ackerwiese sicher und ohne Probleme verlaufen. Und ein kleiner Trost blieb: Ich war bei weitem nicht der einzige Pilot, der an diesem Tag aussenlanden musste.
Viel wichtiger war aber etwas anderes.
Ich durfte diesen Fehler nicht mit in den nächsten Tag nehmen.
Kopf hoch. Weiterfliegen.
Am zweiten Wertungstag sass ich wieder im Cockpit.
Die Aussenlandung vom Vortag war passiert. Ich konnte sie nicht mehr ändern. Also musste ich mich auf das konzentrieren, was ich beeinflussen konnte.
Den Flug.
Und genau an diesem Tag begann ich langsam zu verstehen, was einen internationalen Wettbewerb ausmacht.
Es geht nicht nur darum, möglichst gut zu kurbeln oder schnell zu fliegen. Die eigentliche Herausforderung liegt in den Entscheidungen dazwischen.
Wann starte ich?
Welche Linie fliege ich?
Wie hoch muss ich sein?
Wann lohnt sich ein Umweg?
Wie viel Risiko gehe ich ein?
Ein einziger Kreis zu viel. Eine falsche Entscheidung. Ein falsch kalkulierter Endanflug.
Auf WM-Niveau können solche Kleinigkeiten am Ende über viele Punkte entscheiden.
Das Pokern an der Startlinie
Eine der wichtigsten Erfahrungen war für mich das Warten vor der Startlinie.
Die Startlinie öffnet normalerweise rund 20 Minuten nach dem letzten Schlepp der jeweiligen Klasse. Das bedeutet aber nicht, dass man sofort losfliegen muss.
Man kann warten.
Und genau dieses Warten wird zu einem taktischen Spiel.
Denn das Ziel ist nicht einfach, möglichst früh zu starten. Man möchte im bestmöglichen Wetterfenster losfliegen und idealerweise gemeinsam mit anderen Piloten.
So kam es vor, dass ich fast zwei Stunden vor der Startlinie kreiste und auf den richtigen Moment wartete.
Zwei Stunden warten, während man weiss, dass die eigentliche Aufgabe noch vor einem liegt.
Geduld wird plötzlich genauso wichtig wie gutes Fliegen.
Sechs Tage ohne Pause
In der ersten Wettbewerbswoche konnten wir sechs Tage hintereinander fliegen.
Das war nicht nur fliegerisch anspruchsvoll, sondern auch körperlich und mental fordernd. Früh aufstehen, Wetterbriefing, Flugzeug vorbereiten, Start, mehrere Stunden konzentriert fliegen, danach Debriefing und Vorbereitung auf den nächsten Tag.
Und trotzdem war kein Tag wie der andere.
Jeden Morgen begann das Spiel von vorne.
Im Teambriefing analysierten wir das Wetter und die möglichen Strategien. Am Abend besprachen wir die Flüge und versuchten herauszufinden, was gut funktioniert hatte und was nicht.
Genau diese wechselnden Bedingungen machen Wettbewerbe im Segelflug für mich so spannend.
Jeden Tag eine neue Aufgabe.
Ein neues Wetter.
Neue Entscheidungen.
Und jedes Mal die Frage:
Wie weit kann ich heute gehen?
Ein Tag zum Durchatmen
Nach sechs Wertungstagen war ein Ruhetag angesagt.
Am Sonntag konnten sich die Piloten erholen, Energie tanken und den Kopf frei bekommen.
Nach sechs Tagen voller Konzentration war diese Pause mehr als willkommen.
Doch lange konnte man sich nicht entspannen.
Die Wetterprognosen versprachen auch für die zweite Woche fliegbares Wetter und damit fünf weitere Wertungstage.
Wenn die Wolken verschwinden
Die zweite Woche brachte eine zusätzliche Herausforderung: Blauthermik.
Für Segelflieger sind Cumuluswolken normalerweise wertvolle Orientierungshilfen. Wo die warme Luft aufsteigt und genügend Feuchtigkeit vorhanden ist, kondensiert sie und bildet eine Wolke.
Doch fehlt diese Feuchtigkeit, bleibt die Wolke aus.
Die Thermik ist trotzdem da.
Nur sieht man sie nicht.
Genau das ist Blauthermik.
Und plötzlich wird aus einer sichtbaren Wolkenstrasse ein grosses Stück blauer Himmel, in dem man die nächste Thermik nur anhand von Gelände, Wind, Vögeln, anderen Flugzeugen und den eigenen Erfahrungen suchen kann.
Für einen Wettbewerbspiloten bedeutet das: noch mehr Entscheidungen, noch mehr Risiko und noch weniger Hinweise, ob die eigene Entscheidung richtig war.
Die letzten Wertungstage blieben dadurch spannend. Ich konnte mich jedoch gut halten und meine Ergebnisse im Verlauf der zweiten Woche deutlich verbessern.
Besonders die letzten beiden gewerteten Tage zeigten mir, dass sich die Erfahrungen der vergangenen Tage langsam auszahlten. Mit einem 9. Tagesrang und einem 15. Tagesrang konnte ich die letzten Wertungstage abschliessen.
Für mich waren diese beiden Ergebnisse mehr als nur zwei gute Platzierungen.
Sie zeigten eine sichtbare Lernkurve.
Was zu Beginn der WM noch zu Fehlern geführt hatte, konnte ich zunehmend besser einschätzen. Die Entscheidungen wurden bewusster, das Risikomanagement besser und das Vertrauen in die eigene Taktik grösser.
Ein letzter Tag ohne Start
Dann war bereits der letzte Tag der Weltmeisterschaft gekommen.
Doch diesmal entschied nicht der Pilot über den Start.
Das Wetter liess keinen Wettbewerbsflug zu. Der letzte Wertungstag musste wetterbedingt abgesagt werden.
Damit war die WM beendet.
Nach all den Vorbereitungen, den Flügen, Briefings, Debriefings und langen Tagen auf dem Flugplatz war plötzlich Ruhe.
Ein komisches Gefühl.
Was bleibt?
Nach zweieinhalb Wochen in Aalen, rund 50 Flugstunden und unzähligen Entscheidungen im Cockpit ging die Junioren-WM zu Ende.
Mit Rang 38 von 47 Piloten in der Clubklasse steht auf dem Papier vielleicht nicht das Ergebnis, das ich mir zu Beginn erhofft hatte.
Trotzdem blicke ich mit einem positiven Gefühl zurück.
Meine erste Junioren-WM hat mir gezeigt, wie gross der Unterschied zwischen einem normalen Wettbewerb und einem internationalen Spitzenwettbewerb sein kann. Ich habe gelernt, wie wichtig Timing, Risikomanagement und taktische Entscheidungen sind und vor allem, wie schnell sich kleine Fehler auf das Ergebnis auswirken können.
Die Aussenlandung am ersten Tag war deshalb nicht das Ende der WM.
Im Gegenteil.
Sie war eine meiner wichtigsten Lektionen.
Und die Entwicklung während der zwei Wochen hat mir gezeigt, dass ich diese Lektionen tatsächlich umsetzen konnte. Von einem schwierigen ersten Wertungstag bis zu einem 9. und 15. Tagesrang am Ende der WM, genau diese Entwicklung nehme ich mit.
Danke
Eine solche Weltmeisterschaft ist nicht alleine möglich.Ein grosses Dankeschön geht deshalb an die Segelfluggruppe Säntis, die mir für die WM ein Segelflugzeug zur Verfügung gestellt hat.
Ebenso möchte ich mich bei unserem Team bedanken. Die Zusammenarbeit, die gemeinsamen Briefings und die Unterstützung während der Wettbewerbstage haben das Erlebnis in Aalen zu etwas Besonderem gemacht.
Mein grösster Dank geht aber an meine Freundin. Sie war bereits während der Trainingswoche und während des gesamten Wettbewerbs als tatkräftige Helferin dabei und hat mich auch emotional unterstützt, wenn einmal nicht alles so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Ohne diese Unterstützung wäre die WM nicht dieselbe gewesen.
Und es geht weiter?
Ich blicke auf eine unglaublich wertvolle Zeit zurück.
Ich habe Fehler gemacht, daraus gelernt, gute Flüge erlebt und vor allem sehr viel Erfahrung gesammelt. Genau diese Erfahrungen möchte ich nun mitnehmen und weiter an mir arbeiten.
Denn eines ist für mich klar:
Das sollte nicht meine letzte WM gewesen sein.
Die nächste Junioren-Weltmeisterschaft findet im Januar 2029 in Australien statt. Bis dahin ist noch viel Zeit und noch mehr zu lernen.
Die Teilnahme dort bedeutet nicht nur die sportliche Qualifikation. Auch die logistische Organisation und die hohen Kosten einer Reise nach Australien stellen eine grosse Herausforderung dar.
Vielleicht kennst du jemanden in Australien, der selbst Segelflieger ist, an einem Verein beteiligt ist oder mir bei der Vorbereitung mit hilfreichen Informationen weiterhelfen kann.
Ich freue mich über deine Nachricht.
Wer weiss vielleicht geht die nächste Reise des Cloud Racers tatsächlich ans andere Ende der Welt.
Stefan


